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BÜLENT SANGAR
ISIMSIZ
24. März - 29. Mai 2010

In seinen frühen Fotoserien zeigte Bülent Sangar den Terror, der das öffentliche Leben in der Türkei Mitte der 1990er Jahre beherrschte, und wie diese politische Gewalt von den Individuen und der Mehrheit der türkischen Bevölkerung übernommen und auf das alltägliche Leben übertragen wurde. Ein weiteres Anliegen in diesem Abschnitt von Sangars Kunstproduktion war der Trend zur Homogenisierung des täglichen Lebens, welcher die vom unternehmerischen Kapitalismus geförderten Erscheinungen in Richtung des militaristischen Spektrums treibt. Spätere Arbeiten Sangars problematisieren sowohl den öffentlichen als auch den privaten Raum in der Türkei. In einer Fotoserie setzte er sich mit der konfliktreichen Erscheinungsweise von öffentlichem und urbanem Raum in Großstädten auseinander und damit, wie Einwanderermassen aus den provinziellen und konservativen Regionen Anatoliens sich diese aneignen und ihnen so eine neue Bedeutung geben. Parallel dazu verlagerte sich seine spezielle Beschäftigung mit dem Thema Tradition auf die häusliche Umgebung, in der er tragische Momente wie Tod, Mord und Opfer inszenierte. Der familiäre Raum wurde gekennzeichnet durch eine solidarische, aber auch überaus einschränkende Qualität. Die neueren Arbeiten des Künstlers gehen noch einen Schritt weiter und stellen die Sicherheit des Haushalts in Frage, der in früheren Arbeiten als Schutzraum zu fungieren schien, oder zumindest als ein Ort, an den man zurückkehren kann. Das Individuum ist nun vollständig isoliert, den aggressiven, von außen eindringenden Kräften ausgesetzt und auf einen embryonischen Zustand des Überlebens reduziert. Die Figuren stammen meist aus den fragilsten und am meisten schikanierten Schichten der Gesellschaft. Hausfrauen oder Studentinnen werden in Schutzhaltung zusammengerollt auf dem Boden liegend gezeigt, als würden sie damit rechnen, dass es zu einer Naturkatastrophe, vielleicht einem Erdbeben kommt, oder sie versuchen, ihr Gesicht vor einer verurteilenden, ja kriminalisierenden Kamera zu verbergen, die eine Verbindung zwischen der brutalen Polizeigewalt und dem pornographischen Blick der ereignishungrigen, postpolitischen und korrupten Massenmedien herstellt, denen jegliche Ethik fehlt.

Erden Kosova

In: In den Schluchten des Balkan, Ausstellungskatalog Kunsthalle Fridericianum, Kassel 2003



Bülent Sangar
ISIMSIZ, 2005 (Detail)

 



Bülent Sangar
ISIMSIZ, 2005 (Detail)

 



Bülent Sangar
ISIMSIZ, 2005 (Detail)



JAWBREAKER
EIN VIDEO-MULTIPLE VON EBRU ÖZSECEN
15. Dezember 2009 – 29. Mai 2010

Ebru Özsecen's Werke haben ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit Architektur und zeitgenössischer Bildender Kunst. Ihre Arbeit konzentriert sich auf verschiedenste Aspekte des psychologischen und soziologischen Verhältnisses von Körper und Raum, sowie auf spezifische Lebenswelten oder Orte und bewegt sich medial zwischen Skulptur im öffentlichen Raum, Videoinstallationen, Fotografie, Objekten, Performance, Zeichnung oder Strategien der Raumgestaltung - seien es Rauminstallationen, fotografische Reflexionen von Raum oder bildnerische Erzählungen über einen gegebenen Ort. Ihre Arbeiten handeln auch von kollektiver Erinnerung. An dieser dünnen Nahtstelle zwischen Innen und Außen entstehen Träume, Fantasien und Sehnsüchte, die sowohl Reflexionen des Gesellschaftlichen wie des Individuellen verkörpern. Özsecen macht Dualitäten, die auf die individuelle Erinnerung in unserer zeitgenössischen Gesellschaft fokussieren, zum Gegenstand ihrer Arbeit: Öffentlichkeit und Privatheit, Architektur und Darstellung, Figur und Abstraktion, Innen und Außen. Die Künstlerin untersucht dabei das scheinbar Alltägliche, deckt dessen verborgene Aspekte auf, enthüllt jenen Raum, in dem sich Fantasie und Erinnerung Seite an Seite verbergen und versucht, diese "inneren Wünsche über äußere Räume" wiederzugeben. Anhand der Untersuchung alltäglicher Praktiken, Ereignisse und Rituale thematisiert Ebru Özsecen die Ambivalenz von innerem und äußerem Raum, den Gegensatz von öffentlich und privat, der nicht zuletzt mit sozialen Normen und individueller Fantasie zu tun hat. Auf vielschichtige Weise fließen all diese Aspekte in der Arbeit "Jawbreaker" zusammen, die zugleich Strategien des industriellen Designs und der Produktion künstlerischer Multiples zum Thema macht.

Ebru Özsecen
Jawbreaker
2009 (Filmstill)



AUS AUSTRALIEN
8 GRAPHISCHE POSITIONEN
20. Oktober 2009 – 29. Mai 2010

Im Jahr 1988 gab die Edition Block die Grafikmappe Aus Australien heraus, die vierzig Blätter von acht australischen Künstlerinnen und Künstlern umfasste. Die Mappe resultierte aus dem Interesse und der Auseinandersetzung des Kurators René Block mit der australischen Kunstszene. Seine Tätigkeit als deutscher Koordinator der Biennale von Sydney in den Jahren 1984 und 1986 ermöglichte ihm den Einstieg in die lokale Szene und mündete 1986 in der von ihm konzipierten Ausstellung Fünf vom Fünften in der Berliner daad-Galerie. Bereits zu diesem Zeitpunkt war an eine Grafikmappe gedacht, die dann zwei Jahre später erschien. Neben den damaligen Ausstellungsteilnehmern Richard Dunn, John Lethbridge, Mike Parr, Peter Tyndall und Ken Unsworth wurden noch John Nixon, Vivienne Shark-LeWitt und Jenny Watson eingeladen. Alle Beteiligten konzipierten jeweils eine Serie von fünf Blättern, die in den klassischen Techniken Holzschnitt, Radierung, Steinlithographie und Siebdruck bei Viridian Press in Melbourne gedruckt wurden. Die Mappe repräsentiert eine Künstlergeneration, die maßgeblich war für die hauptsächlichen Entwicklungen der australischen Kunst in den 1970er und 1980er Jahren. Die Künstlerinnen und Künstler schufen neue Möglichkeiten unabhängiger Arbeit außerhalb des kommerziellen Systems, provozierten ein zunehmend kritisches Verständnis in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und ebneten so auch einer jüngeren Generation den Weg. Gemeinsamer Hintergrund dieser radikalisierten Kunstpraxis waren Konzeptkunst und Minimalismus. Performance, Installation und Serialität spielten eine wesentliche Rolle hinsichtlich der Neustrukturierung der Beziehung zwischen Publikum und Künstlern. Das Werk von Richard Dunn (geb. 1944) reflektiert häufig den sozialen und historischen Kontext künstlerischer Produktion und setzt sich mit dem komplexen Problem der Wahrnehmung und Deutung auseinander. Der Künstler nutzt das Paradox, die Metapher, die Verschlüsselung und den Kontrast von minimaler Form und Komplexität der Inhalte, um seine Arbeiten einer simplifizierenden Deutung zu entziehen und den Betrachter zu einem intellektuellen Austausch herauszufordern. Dunn setzt dabei Eklektizismus und den Wechsel stilistischer Ausrichtung als bewusste Strategien ein, wobei er sein Werk dem Minimalismus, der suprematistischen Malerei und der Konzeptkunst verpflichtet sieht. In seinen Arbeiten prallen Fotographie, realistische Malerei, perspektivische Zeichnung oder Montagetechniken des Films aufeinander und relativieren sie, um konventionelle Interpretations- und Sehweisen zu unterlaufen. John Lethbridge (geb. 1948) nutzte in den 1970er Jahren die Strategien des Minimal, um die Sprache der Kunst zu erforschen und interessierte sich dabei vor allem für selbstbeschränkte formalisierte Systeme. Dies brachte ihn zu Untersuchungen über die Polarität von minimalistischer Komposition und illusionistischem Stil und führte zu Arbeiten, die formale Strenge und intuitive Emotionalität, das Rationale und das Metaphysische zusammenführen. Lethbridge entwickelte eine Formensprache aus frontalen Linien, Flächen und Massen, aus denen sich die Bildinhalte aufbauen, die vom gegenseitigen Anziehen und Abstoßen von Körpern, von Energiegesetzen und Balance handeln. Minimalismus, Monochromie, Konstruktivismus und das Readymade sind Referenzpunkte der Arbeit von John Nixon (geb. 1949), dessen Werk um die aktuelle Realisierbarkeit und Relevanz der utopischen Ästhetik sowie der sozialen und politischen Programme des frühen Modernismus kreist. 1968 entwickelte der Künstler den "Experimental Painting Workshop" (EPW:O), der sein bis heute andauerndes Projekt zur Befragung der nichtgegenständlichen Malerei bezeichnet. Wesentliche Bezugspunkte Nixons sind Malewitschs "Schwarzes Quadrat", das die Idee der Selbstbezüglichkeit und Absolutheit der Malerei prägte und Duchamp, dessen "Readymades" alltägliche Objekte in den Kunstkontext überführten. Nixon analysiert die Möglichkeiten von Monochromie und Readymade und entwickelt sie weiter - in als Labor angelegten und aufeinander aufbauenden Räumen. Mike Parr (geb. 1945) hat sein Werk im Wesentlichen autobiografisch und in Serien angelegt, befasst sich aber gleichzeitig mit dem Problem der Einbeziehung des Publikums. Während er in seinen frühen Performance-Arbeiten vor allem familiale Beziehung erforschte ging es in den 1970er Jahren um die Frage von Körper und Raum bzw. räumlicher Organisation. Seit Beginn der 1980er Jahre entwickelte er anamorphische Zeichnungen, die mit expressivem Gestus und analytischer Klarheit auf physische und psychologische Vorstellungsbilder verweisen. Neben der Performance nutzt der Künstler Film, Installation, Fotografie, Typographie, das Zeichen und das Wort, um die Felder des Psychischen, des Somatischen, der Interaktionen zwischen den individuellen und sozialen Bereichen und der Kohärenz des Selbstbildes zu erforschen. Die Arbeiten der Malerin Vivienne Shark-LeWitt (geb. 1956) handeln von häuslichem Leben, den Beziehungen der Geschlechter, den Machtverhältnissen des Alltäglichen, trivialen Missgeschicken und leicht surrealen und poetischen Erscheinungen. Häufig in kleinem Format oder als Vignetten ausgeführt, sind ihre Arbeiten von Humor geprägt und haben ihre Referenz in katholischer Ikonographie, moderner Literatur und Kunsttheorie. Formal sind ihre Arbeiten fein in Öl gemalt, in zurückhaltend cartoon-artigem Stil, der die perfekte Form für ihre satirischen Sujets bildet. Während die Ausführung an Illustrationen der 1950er Jahre erinnert, handeln ihre Themen von einer fortschrittlicheren Zeit, in der Männer sich um den Haushalt kümmern während Frauen erfolgreich Karriere machen. Die Bilder von Shark-LeWitt thematisieren dabei zugleich kunsttheoretische Fragen wie die Rückkehr zur Figuration, den Einfluss von Werbesprache und Popkultur auf die Kunst oder das Verhältnis von Hoch- und Trivialkultur. Peter Tyndall (geb. 1951) arbeitet nicht nur bewusst in Serien, sondern befragt und bewertet die eigene Geschichte fortwährend neu. Seine Arbeiten sind alle mit dem Titel "detail, A Person Looks At A Work of Art/someone looks at something" benannt und verweisen damit auf seine Beschäftigung mit der Sprache der Kunst. Jedes Objekt ist lediglich ein Detail, eine Wirkung in einem universellen Netz von Ursachen. Tyndall´s Bilder bestehen aus Serien von Zeichen, die das Verhältnis der künstlerischen Arbeit zum Betrachter, des Kunstwerks zum Kunstwerk und des Kunstwerks zum kulturellen Kontext herausarbeiten. Das Symbol, das dabei den Schlüssel bildet ist ein Quadrat mit zwei parallel verlaufenden Linien - sie stehen als Zeiger für ein mögliches Feld von Wirkungen und Verknüpfungen. Damit thematisiert der Künstler die Abhängigkeit seiner Bilder nicht nur von psychischen und physischen Umständen (Licht, Farbe, Rahmen, Hängung), sondern auch von der Gegenwart des Betrachters und der jeweiligen kulturellen und historischen Wahrnehmungspraxis. Ken Unsworth (geb. 1931) ist ein Bildhauer, der ab Mitte der 1970er Jahre auch den eigenen Körper in einer Serie von Performances in skulpturalen Installationen einsetzte, die im Zusammenhang mit seinem bildhauerischen Werk zu sehen sind. Dieses Werk arbeitet mit wiederkehrenden Basiselementen wie Stahlplatten, Stäbe, Stöcke oder Flusskiesel, die in kraftvoll-einfachen Anordnungen arrangiert werden. Dabei thematisiert er auf verstörende Weise die Fragilität jeglichen Gleichgewichts: Gerade im Moment der Balance könnten wir unsicher werden, die Objekte könnten fallen oder vom Boden abheben. Die makellose Lösung formaler Probleme, die sich mit Klarheit und größter Sparsamkeit vermittelt, geht in den Arbeiten von Unsworth immer einher mit Zweifel und Unbehagen sowie einer dramatischen Spannung. Jenny Watson (geb. 1951) arbeitet in einer Kombination aus Malerei, Text und Objekt auf figurative Weise. Ihre Texte decken sich dabei nicht mit dem Dargestellten, sondern bestehen aus schwer fassbaren Sätzen, Wendungen und Geschichten, die eine freie Assoziation zwischen Bild, Sprache und Erinnerung auslösen. Schlichte, einprägsame Sujets, Humor und bissige Ironie prägen ihr Werk und provozieren ganz bewusst eine gewisse Naivität. Watson kreiert in ihren Bildern komplexe Geschichten, die einen feministischen und sozialkritischen Anspruch haben. Ihre Kunst befasst sich explizit mit Themen wie weibliche Identität, Chauvinismus und familiäre Beziehungen, aber auch Sterblichkeit, Natur und Erinnerung. Das Portfolio erregte bei seinem Erscheinen in Australien großes Aufsehen, war es doch das bis dahin bedeutendste Projekt seiner Art, das in diesem Land verwirklicht wurde. Die Mappe zeigte, dass sich eine ganze Reihe australischer Künstler mit einer eigenen Sprache nachdrücklich am internationalen Dialog beteiligten und war ein Beleg dafür, wie sich die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie im kulturellen Kontext wechselseitig durchdringen - ein Thema, dass der Verleger René Block auch in den folgenden Jahren nachhaltig bearbeiten sollte.

Die Mappe wird nun erstmalig in Europa präsentiert.



John Lethbridge
The Ring Cycle (I - V)
1988

 



Mike Parr
The Pool of Blood (I - V)
1988

 



Vivienne Shark-LeWitt
Untitled
1988

 



Peter Tyndall
detail: A Person Looks At A Work of Art/someone looks at something...
CULTURAL CONSUMPTION PRODUCTION
1988

 



John Nixon
Self Portrait (Non-Objective Composition)
(Purple) (Red) (Brown) (Black) (Ultramarine Blue)
1988

 



Ken Unsworth
Villa des Vergessens (I - V)
1987

 



Jenny Watson
The Bottled Memories 1 - 5
1988

 



Richard Dunn
100 Blossoms (Five Prisons)
1988



MARIA EICHHORN
DIE MULTIPLES
02. Mai - 10. Oktober 2009

Maria Eichhorn thematisiert in ihren Projekten die Frage nach dem Begriff von Kunst, der Rezeption und Lokalisierbarkeit von Kunst, der Autonomie eines Kunstwerks und seiner Autorenschaft. Dabei interessiert sich die Künstlerin nicht für die Lösung formaler Fragen. Vielmehr gehen ihre Projekte von einem gebietsbezogenen Interesse aus - eine Arbeit entwickelt sich aus vielfältigen Einflüssen und Überlegungen. Der Ausstellungsort wird nicht nur als architektonischer Raum aufgefasst, den es zu bespielen gilt, sondern in seinem gesamten Kontext: Wer betreibt ihn, was passiert dort, was passiert drum herum, usw. "Ich versuche globaler zu denken. Wenn ich einen Ort besuche, versuche ich, ihn umfassend aufzunehmen. Letztendlich kann dann doch wieder ein Detail wichtig werden, aber erst mal will ich mich nicht mit einer vorgefassten Struktur dorthin begeben." (Eichhorn) Man könnte die Arbeiten von Maria als Untersuchungen an der Schwelle zum Wahrnehmbaren bezeichnen. Ihre Projekte und Eingriffe sind häufig so minimal, dass sie einem flüchtigen Ausstellungsbesucher entgehen werden. Sie evozieren jedoch ein vieldeutiges Wechselspiel zu Fragen der Wahrnehmung, wobei es nicht nur um sinnliche Wahrnehmung und konkretes Erlebnis, sondern auch und gerade um die Wahrnehmung politischer oder gesellschaftsrelevanter Fragen und Probleme geht. Maria Eichhorn richtet unsere Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung und auf die Veränderungen des Kontextes Kunst. Indem sie Situationen gestaltet, in denen die üblichen, institutionell geprägten Muster von Kunstrezeption versagen, öffnet sie Raum für ein verändertes Sehen und Denken. Maria Eichhorns Werke entstehen oft in Zusammenarbeit mit Personen aus anderen Disziplinen und beinhalten Handlungsanweisungen oder genaue Vorgaben für die Umsetzung. So auch das neue Multiple der Künstlerin mit dem Titel "Vier Multiples in Tasche", das von der Edition Block nun herausgegeben wird. Der zukünftige Besitzer ist aufgefordert in Aktion zu treten und das Werk zu komplettieren, indem er verschiedenen von der Künstlerin gegebenen Anleitungen folgt. Die Edition Block nimmt die Präsentation des neuen Auflagenobjekts zugleich zum Anlass alle Multiples von Maria Eichhorn in einer Gesamtschau zu zeigen.

Maria Eichhorn
Vier Multiples in Tasche
2009

 



Blick in die Ausstellung



KP BREHMER / PHILIP CORNER
BILDER EINER AUSSTELLUNG
03. Januar - 10. Oktober 2009

KP BREHMER
Bilder einer Ausstellung, 1975

Im Jahr 1874 schrieb Modest Mussorgsky die Musik "Bilder einer Ausstellung", angeregt von Aquarellen, Zeichnungen, Architekturskizzen und kunsthandwerklichen Arbeiten, die er in einer Ausstellung des russischen Malers und Buchillustrators Victor Alexandrowitsch Hartmann gesehen hatte. Mussorgsky vertonte zehn Bilder, deren Zyklus von einer eingeschobenen Promenade in Variationen zusammengehalten wird. Es handelt sich bei der Vertonung keinesfalls um Illustrationen der gesehenen Bilder, sondern um musikalische Fantasien mit szenischen Aspekten. Die Übersetzung führte zu musikalischen Originalen, die wiederum zur Bearbeitung anregten. So hat etwa Wassily Kandinsky 1928 eine Rückübersetzung in eine Bühnenkomposition aus abstrakten bewegten Formen vorgenommen, die ihm beim Hören der Musik vorschwebten.

Auch der Maler KP Brehmer übersetzt Mussorgsky´s Musik zurück ins Visuelle, verwendet dazu aber eine wissenschaftlich feststellende Methode. Aus den Sätzen von Mussorgsky´s Klaviersuite wurde das jeweilige Hauptmotiv in einer Länge von je vier bis fünf Sekunden Dauer ausgewählt und im Institut für Kommunikationswissenschaften der Technischen Universität Berlin in ein Sonagramm übersetzt. Die Promenaden blieben dabei unbeachtet. Brehmer übertrug dann die Sonagramme auf die Radierplatte und kopierte Titel ein, die identisch sind mit jenen der zehn vertonten Bilder von Mussorgsky. Im Gegensatz zu Intentionen anderer Künstler, die mit Entsprechungen von Visuellem und Akkustischem und dem Phänomen der Synästhesie arbeiten, lässt sich Brehmer´s Visualisierung von Schallwellen begreifen als experimentelle Suche nach einer Möglichkeit, wie in die von technischen Apparaten bestimmte Welt verändernd eingegriffen werden kann.

PHILIP CORNER
Pictures of Pictures from Pictures of Pictures, 1977/79

Die zehn Grafiken von KP Brehmer wurden von Philip Corner wiederum in Kompositionen übertragen. Seine zehn Klavierstücke, die wie Brehmer´s Bilder die Titel der Bilder von Mussorgsky tragen, haben alle einen gleichen zeitlichen Rahmen von fünf Minuten. Analog zur Textur, zur Dichte und Länge der Schwärzungen in den visualisierten Schallvorgängen, arbeitet Corner mit Cluster und Tremolo. Vertikale räumliche Anordnungen werden in Tonhöhen umgesetzt, horizontale Verhältnisse in Zeitdauer, flächige oder unterbrochene Ausdehnungen in Tempovorschriften und Massivität in dynamische Angaben. Bezüge zur ursprünglichen musikalischen Fassung ergeben sich durch minimale Übernahmen musikalischen Materials. So entsteht ein überraschend neuartiges Werk, das sehr ungewöhnlich einfache repetitive Vorgänge mit kompliziert aufgebauten Klangstrukturen verbindet Die Partitur, in Form einer Erstskizze, macht Corner´s Arbeitsvorgänge ablesbar, wobei die Notation nicht zum Mitlesen während des Hörens gedacht ist, sondern subjektive Momente enthält, die wiederum die Imagination des Betrachters fordern. Ihre Mischung aus Schrift, Noten und Zeichnung macht die Partitur wiederum zur Graphik, die der Musik ein neues Bild hinzufügt.







KP Brehmer
aus der Serie Bilder einer Ausstellung
1975


AYDAN MURTEZAOGLU
IN CHARGE
02. Mai - 30. Mai 2009

Die Künstlerin Aydan Murtezaoglu befasst sich in ihren Arbeiten mit den Grenzen und strukturellen Beschränkungen der türkischen Gesellschaft oder der Entstehung von Geschlechterrollen durch familiäre Beziehungen sowie den Möglichkeiten von Flucht bzw. Praktiken des Ungehorsams, des Widerstands und Gesten der Störung. Dabei artikuliert sie eine "Perspektive von innen", problematisiert die vom Künstler beanspruchte Position als Kritiker der Kultur, der er/sie angehört, und sucht nach Möglichkeiten, ihre eigene Verankerung im sozialen Gefüge zum Ausdruck zu bringen bzw. ihre Verantwortung einer sozialen Umgebung gegenüber zu artikulieren, in die sie als Künstlerin auch eingebunden ist. Dieses Anliegen formuliert sich auch in den acht Offsetlithographien der Grafikmappe IN CHARGE, die nun von der Edition Block herausgegeben wird. Die Motive basieren auf Fotografien von Aydan Murtezaoglu und zeigen inszenierte Situationen aus dem häuslichen sowie öffentlichen Umfeld. Immer ist die Künstlerin selbst als eine der zentralen handelnden Personen zu sehen. Allerdings geht es hier nicht um das Nachzeichnen autobiografischer Geschehnisse. Murtezaoglu nimmt vielmehr eine Stellvertreterposition ein, schlüpft in eine Rolle, um diese in möglichst all ihren Facetten auszuleuchten. Ganz im Sinne von "to be in charge", also die Verantwortung haben oder verantwortlich sein, hinterfragt die Künstlerin so die verschiedenen Ebenen bestimmter Rollenmodelle bzw. die Hintergründe von deren Entstehung. Dabei meidet sie eine emotionelle oder anklagend-kritische Haltung. Vielmehr geht es ihr um Differenzierungen: was ist sich ähnlich, was verbindet, was trennt. Die Uneindeutigkeiten und Ambiguitäten, die die Künstlerin bei ihrer Untersuchung von sozialer Realität zutage fördert eröffnen dabei neue und offene Reflektionsweisen. Die Edition erscheint aus Anlass der Ausstellung UNEMPLOYED EMPLOYEES - i found you a new job! von Aydan Murtezaoglu und Bülent Sangar im Projektraum Tanas.

Aydan Murtezaoglu
IN CHARGE
2009 (Detail)



ICH KENNE KEIN WEEKEND
Beuys & Block: Die gemeinsamen Editionen 1966 - 1986
02. Oktober 2008 - 31. März 2009

Das Medium des Auflagenobjekts war für Joseph Beuys von zentraler Bedeutung, vor allen Dingen die soziologischen und ökonomischen Aspekte seiner künstlerischen Ideen fanden in dieser Form einen geeigneten Rahmen. Beuys interessierte am Multiple nicht nur der serielle Charakter, sondern vor allem überzeugte ihn die Möglichkeit diese Kunstform als Ideenträger und Kommunikationsmedium zu verwenden, mit dem man einen größeren Kreis von Menschen erreichen konnte. Der Charakter des Auflagenobjekts wurde durch Beuys radikal erweitert. Weit mehr als fünfhundert Multiples fertigte er im Laufe seines Lebens, wobei er meist Fotografien von eigenen Aktionen nutzte, aber auch Druckgrafiken, Übermalungen und Objekte herstellte. Seine ersten Multiples fertigte Joseph Beuys auf Anregung und Einladung von René Block für dessen Edition in den sechziger Jahren. Es entstanden im Lauf der Zeit u.a. so bedeutende Werke wie "Schlitten", "Filzanzug", "Silberbesen" oder "Das Schweigen". Einige dieser gemeinsamen Editionen werden jetzt parallel zur Retrospektive von Joseph Beuys (Hamburger Bahnhof) in der Galerie Edition Block gezeigt.

Blick in die Ausstellung



TO BE CONTINUED
18. März - 26. Juli 2008

Die erste Präsentation der Edition Block "to be continued" zeigt neue Multiples u.a. von John Cage, Henning Christiansen, Ayse Erkmen, Sejla Kameric, Jaroslaw Kozlowski, Olaf Metzel, Bülent Sangar und Carles Santos sowie einige ausgewählte Editionen der vergangenen Jahrzehnte. Die Edition Block knüpft mit dieser Präsentation und der Fortsetzung ihrer Arbeit bewusst an die Tradition des Untradierten an: Dem allerersten Video-Multiple, das in den Siebzigern mit Nam June Paik herausgegeben wurde, folgt jetzt die erste Video-Installation in einer Auflage von zwölf Exemplaren mit der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen. Erkmens Videoinstallation "PFM-1 and others" von 2004, die von der Edition Block als Multiple aufgelegt wurde, zeigt auf mehreren Monitoren computersimulierte Darstellungen von Landminen, die in gummiartiger, fast organischer Gestalt im Hintergrund auftauchen, begleitet von synthetischen Geräuschen in den Vordergrund hüpfen, um von dort sirrend verschwinden. Die tödlichen Waffen werden von Erkmen zwar entschärft, indem sie eine absurde und groteske Parade aufführen - dennoch bleibt eine verstörende Anmutung ihrer tödlichen Gewalt. Auch das Multiple "Bosnian Girl" (2007) von Sejla Kameric resultiert aus der Beschäftigung mit gewaltsamer Vergangenheit, weist jedoch zugleich darüber hinaus: Kunst gilt ihr nicht als Ziel, sondern als Mittel zur Selbstidentifikation und Vermittlung. Die Medien und die sie umgebende Realität sind dabei der Bezugspunkt der Arbeiten der Künstlerin, die in der über dreieinhalb Jahre vom Krieg belagerten Stadt Sarajewo aufwuchs. "Bosnian Girl" beschäftigt sich mit der Tragödie von Srebrenica, aber auch mit dem Phänomen länderspezifischer Vorurteile. Das in der Arbeit zitierte, herabwürdigende Graffiti wurde von einem unbekannten niederländischen Soldaten 1994/95 an die Wand einer Kaserne in Srebrenica geschrieben. Körpernah und mit einem gänzlich anderen Ansatz zeigt sich "Das wohlpräparierte Klavier" (2008) von Carles Santos. Der Grenzgänger zwischen Kunst und Musik bearbeitet die Tastaturen von Pianos, die das für Santos so typische erotisch-taktile Moment seines Klavierspiels visualisieren: In seinen Kompositionen versucht Santos mit musikalischen Mitteln und performanceartigem Körpereinsatz eine elementare Energie freizulegen und traditionelle Ausdrucksmittel zu sprengen. Mit surrealem Witz und postdadaistischer Lautmalerei führt er die menschliche Stimme an ihre Grenzen - drastisch, erotisch und obsessiv.

Šejla Kameric
Bosnian Girl
2007