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Nachdem die Edition Block im Jahr 2008 neue Räume in Berlin bezogen hat, wird mit der Ausstellung "3 → ∞" und Arbeiten von Marina Abramovic, Nevin Aladag, Halil Altindere, Maja Bajevic, Henning Christiansen, Danica Dakic, Braco Dimitrijevic, Maria Eichhorn, Ayse Erkmen, Mona Hatoum, Sanja Ivekovic, Sejla Kameric, Gülsün Karamustafa, Jaroslaw Kozlowski, Vlado Martek, Aydan Murtezaoglu, Anri Sala, Bülent Sangar, Sarkis und Nasan Tur ein Überblick über die Produktion der vergangenen Jahre präsentiert. In ihrer inzwischen über vierzigjährigen Geschichte hat die Edition Block stets neue Wege auf dem Feld der multiplizierten Kunst beschritten und dabei auch ein Stück Kunstgeschichte geschrieben. Seit der Gründung der Edition wurden fast 80 Arbeiten in Zusammenarbeit mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern herausgegeben - insgesamt ein weit gespanntes Netzwerk, das sich nun mit allen Erfahrungen aus den sechziger, siebziger, achtziger und neunziger Jahren den künstlerischen Entwicklungen des 21. Jahrhundert widmet. "PFM-1 and others" (2004) von Ayse Erkmen, die erste Video-Installation, die jemals als Multiple aufgelegt wurde, zeigt auf mehreren Monitoren computeranimierte Darstellungen von Landminen, die in fast organischer Gestalt aus dem Hintergrund auftauchen und begleitet von synthetischen Geräuschen in den Vordergrund hüpfen. Die tödlichen Waffen werden von Erkmen zwar entschärft, indem sie eine absurde und groteske Parade aufführen, ihre Sprengkraft erhalten sie jedoch durch ihre Positionierung an einem Ort, an dem man sie üblicherweise nicht vermutet. Die verwirrende Wirkung dieser Arbeit wird zudem dadurch erreicht, dass ein absolut künstliches (digitales) Umfeld mit menschlichen Aspekten aufgeladen wird. Die harmlosen, lustigen Minen wiegen uns in Sicherheit - solange, bis die Falle zuschnappt. "Bosnian Girl" (2007) von Sejla Kameric resultiert aus der Beschäftigung mit gewaltsamer Vergangenheit, weist jedoch zugleich darüber hinaus: Kunst gilt ihr nicht als Ziel, sondern als Mittel zur Selbstidentifikation und Vermittlung. Die Medien und die sie umgebende Realität sind dabei der Bezugspunkt der Arbeiten der Künstlerin, die in der über dreieinhalb Jahre vom Krieg belagerten Stadt Sarajewo aufwuchs. "Bosnian Girl" bezieht sich nicht nur auf die Tragödie von Srebrenica, sondern auf das Phänomen länderspezifischer Vorurteile. Das in der Arbeit zitierte, herabwürdigende Graffiti wurde von einem unbekannten niederländischen Soldaten 1994/95 an die Wand einer Kaserne in Srebrenica geschrieben. Aydan Murtezaoglu befasst sich in ihren Arbeiten mit den Grenzen und strukturellen Beschränkungen der türkischen Gesellschaft oder der Entstehung von Geschlechterrollen durch familiäre Beziehungen sowie Praktiken des Ungehorsams, des Widerstands und Gesten der Störung. Die Motive der Grafikmappe "IN CHARGE" (2009) zeigen inszenierte Situationen aus dem häuslichen sowie öffentlichen Umfeld. Immer ist Murtezaoglu selbst als eine der zentralen handelnden Personen zu sehen. Allerdings geht es hier nicht um das Nachzeichnen autobiografischer Geschehnisse. Murtezaoglu nimmt vielmehr eine Stellvertreterposition ein und hinterfragt so die verschiedenen Ebenen bestimmter Rollenmodelle bzw. die Hintergründe von deren Entstehung. Maria Eichhorn thematisiert in ihren Projekten die Frage nach dem Begriff von Kunst, der Rezeption und Lokalisierbarkeit von Kunst oder der Autonomie eines Kunstwerks und seiner Autorenschaft. Man könnte die Arbeiten von Eichhorn als Untersuchungen an der Schwelle zum Wahrnehmbaren bezeichnen, denn ihre Projekte und Eingriffe sind häufig so minimal, dass sie einem flüchtigen Ausstellungsbesucher entgehen werden. Sie evozieren jedoch ein vieldeutiges Wechselspiel zu Fragen der Wahrnehmung, wobei es gerade auch um die Wahrnehmung politischer oder gesellschaftsrelevanter Fragen und Probleme geht. Eichhorns Werke entstehen oft in Zusammenarbeit mit Personen aus anderen Disziplinen und beinhalten Handlungsanweisungen oder genaue Vorgaben für die Umsetzung. So auch das Multiple mit dem Titel "Vier Multiples in Tasche" (2009). Der zukünftige Besitzer ist aufgefordert in Aktion zu treten und das Werk zu komplettieren, indem er verschiedenen von der Künstlerin gegebenen Anleitungen folgt. Die Bedeutung von Sprache, ihre Anbindung an kulturell codierte Verständnismuster oder die Wirkkraft politischer Begriffe sind wiederkehrende Motive im Werk von Nasan Tur, wobei sich City says… auf das Verhältnis von Sprache und öffentlichem Raum bezieht. Die fortlaufende Arbeit wurde seit dem Jahr 2007 bisher in den Städten Ljubljana, Berlin, Mailand, Belgrad, Stuttgart und Wien realisiert. Ausgangspunkt ist immer das Sammeln hunderter Graffitis aus dem jeweiligen Stadtraum, wobei Tur nicht an den Tags der Sprayerszenen interessiert ist, sondern an so genannten Message-Graffitis, jenen Botschaften also, die aus einzelnen Wörtern oder kurzen Sätzen bestehen und mit denen eine signifikante Aussage getroffen wird. Indem Nasan Tur die Graffitis in den Kunstkontext überträgt hinterfragt er die Trennung von Innen und Außen, von Hoch- und Subkultur, von Anonymität und Disposition. Der formale Umgang mit diesen Botschaften, die der Künstler ohne Rücksicht auf ihren Inhalt komplett übernimmt, variiert von Ort zu Ort. Während sie in Ljubljana zusammen auf einer Seite der örtlichen Tageszeitung erschienen, wurden sie in Stuttgart in einem Künstlerbuch publiziert. In anderen Städten, wie Berlin oder Wien, wurden in einer Performance alle gesammelten Sprüche nach und nach übereinander auf eine Wand des Ausstellungsraums gesprayt, so dass schließlich eine undurchdringliche, an den Rändern ausfasernde Farbfläche entstand. Was blieb war ein Wandbild, das den Subtext der Stadt in komprimierter Form darstellte. In diesem Jahr entstand die Grafikmappe City says..., für die der Künstler Grafittis der sechs Städte in Farbradierungen übersetzt hat. Mit dem Stift wurden die Botschaften - analog zur Sprayaktion - übereinander auf die Platte geschrieben und erscheinen im Druck spiegelverkehrt. Verdichtungen und Überlagerungen bis hin zur Unkenntlichkeit sind zu sehen, wobei die Dünne des Strichs keine komplett geschlossenen Flächen zulässt, so dass einzelne Wörter, Wortfragmente oder Buchstaben lesbar bleiben. Dennoch bleiben die Aussagen verborgen, verlieren sich im Gespinst der Linien. Aus den Zeichen entsteht ein heterogenes Bild, in dem der appellative Charakter, die soziopolitische Relevanz und die Information der einzelnen Botschaften verschwindet. Sie sind in ihrer Bedeutung nicht mehr wahrnehmbar. Das Bild wird so zur Metapher einer gescheiterten - oder zumindest gestörten - Kommunikation. |
![]() Ayse Erkmen PFM-1 and others 2004
![]() Sejla Kameric Bosnian Girl 2007
![]() Henning Christiansen Die Freiheit ist um die Ecke 2008
![]() Jaroslaw Kozlowski Rhetorical Figures II 2006
![]() Maria Eichhorn Vier Multiples in Tasche 2009
![]() Nasan Tur City says... 2010 (Detail) |
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